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Daniil Trifonov: Der Reigen des Meisters

Daniil Trifonov wurde am 17. Oktober 2022 mit einer Standing Ovation und Bravorufen vom Berner Publikum begeistert gefeiert. Der 32-jährige Meisterpianist bewies mit einem reichbefrachteten romantischen Soloprogramm von Tschaikowski bis Skrjabin, dass er zweifelsfrei zu den Weltbesten seines Fachs gehört.

Wer Daniil Trifonov im August im KKL Luzern mit Beethovens 4. Konzert für Klavier und Orchester erleben durfte, liess es sich als Berner Musikfreund am 17. Oktober 2022 nicht nehmen, den jungen, in New York lebenden Russen mit seinem Rezital im Rahmen des Meisterzyklus zu hören. Der in den besten Konzerthäusern dieser Erde hochwillkommene, immer etwas zurückhaltende, bescheiden, ja fast etwas scheu wirkende Gast zieht mit seinem entfesselten Spiel die Zuhörer mit zartleisen Klängen und kraftvollen Läufen in seinen Bann. Welch bezaubernde, lebendige Bilder er in Tschaikowskis Album für die Jugend, op. 39, hervorzuzaubern wusste! Etwa der Marsch der (kleinen) Holzsoldaten, die kranke Puppe, das Begräbnis der Puppe oder das Russische Lied berührten bis ins Innerste. In Schumanns Fantasie in C-Dur widerspiegelte Trifonov die beiden vom Komponisten erfundenen, im Charakter so unterschiedlichen Protagonisten Eusebius und Florestan aufs Trefflichste. Nach Mozarts höchst eigenwillig, brillant vorgetragenen Fantasie in C-Dur gipfelte der Höhepunkt nach der Pause in Maurice Ravels „Gaspard de la Nuit“ und Alexander Skrjabins Klaviersonate Nr. 5 Fis-Dur op. 53. Wie kleine Lichtgestalten oszillierten die fein modulierten Töne in atemberaubender Klangschönheit, die einem kaum wahrnehmbaren Anschlag der schlanken Pianistenhände entsprangen, über dem klangvollen Steinway; so als strömten sie vom Flügel durch den Pianisten hindurch direkt ins Herz der Zuhörerinnen und Zuhörer. Mit Bachs Aria, dem Thema der Goldbergvariationen, bedankte sich Trifonov beim Publikum, das den Ausnahmekönner mit einer langen „atemlosen Nachpause“ in unsere Welt zurückholte und sein Spiel bis weit in die Nacht hinein nachklingen liess. Schade nur, dass so viele Plätze im Casino Bern leer geblieben sind…

AKM, 18.10.2022